FeelGood & SystemKommunikation

Wenn die Kinder flügge werden

Können Sie sich noch erinnern, wie es war, als sie von ihrer Schwangerschaft erfahren haben? Wie auch immer Ihre damalige Situation war, irgendwann als Sie sich für das Kind entschieden haben, kam große Freude auf den kleinen Menschen auf, der da gerade „in Ihr System“ wächst. Als der kleine Erdenbürger dann tatsächlich da war, hat es sicherlich eine Zeit gedauert, bis „das System“ wieder rund gelaufen ist. Alle Überlegungen und Vorgänge waren auf das schwächste Glied im Familiensystem ausgerichtet. Und wenn wir ehrlich sind: das hat sich in den nächsten Jahren auch nicht geändert.
Und plötzlich sind die Kleinen groß, entwickeln erste Pläne und wir sind nicht mehr zwingend Teil dieser Pläne.

Die Kinder bauen sich gerade ihr eigenes System auf.
Und noch viel plötzlicher steht das Kind da und erklärt, dass in zwei Monaten das Studium in einer anderen Stadt beginnt und daher jetzt die Suche nach einer Studenten-WG beginnt. Mit viel Glück darf man seinen Spross dabei begleiten, aber selbstverständlich den Mietvertrag unterschreiben und eine Bürgschaft übernehmen.
Und plötzlich ist das Kinderzimmer leer, und wenn nicht schon vorher ein flaues Gefühl im Magen entstanden ist, so fällt jetzt ein tonnenschwerer Stein in die Magengrube. Plötzlich flackern Ängste auf und die Frage brüllt einen im leeren Kinderzimmer schier an:

Mit was fülle ich diese Leere?
In Familienstrukturen „Vater, Mutter, Kind“  sind die Eltern als Paar gefragt. Sie werden im Prinzip in die Anfangszeit ihrer Beziehung zurückgeworfen. Doch was ist davon nach über 20 Jahren noch da? Wünschenswert wäre Liebe, leider stellt sich in dieser Lebensphase oft heraus, dass die Liebe nur noch eine Aneinanderreihung an Gewohnheiten und Ritualen ist. Und es zeigt sich immer wieder: Das Kind war der Kleber zwischen den Gewohnheiten. Diese Erkenntnis ist ernüchternd, hektisch wird die verlorengegangene Liebe gesucht, werden gemeinsame Unternehmungen geplant, um eine Zweisamkeit aufzubauen und wieder eine gewisse Sicherheit in der Beziehung zu finden. Das ist anstrengend und hier kommt erstmals der Gedanke auf, an der Situation etwas verändern zu müssen. Neue Lebensmodelle werden entworfen und ausprobiert, Ressourcen wiederbelebt und entwickelt. Wo die Reise hingehen soll, ist ganz individuell und wird sehr spannend für beide Teile der Partnerschaft.

Als alleinerziehender Elternteil ist der Auszug des Kindes ein Einschnitt, den der andere Elternteil schon einige Zeit vorher mit der Trennung erlebt hat. Mit dem Auszug des Kindes geht ein Stück Verbindlichkeit verloren, man gibt die umfassende Fürsorge ab und erhält dafür mehr Freiraum. Je nachdem wie groß der Freundeskreis ist, sich die berufliche Situation darstellt und der Zusammenhalt in der Ursprungsfamilie besteht, kann der neue Lebensabschnitt als Gewinn oder Verlust empfunden werden.

Handlungsbedarf besteht selbstredend bei Verlustgefühlen.

Auch hier ist eine Entwicklung aus der Schwäche in die Stärke ein spannender Weg und birgt so viel Potenzial.
Wie auch immer die ganz individuelle Lebenssituation sich darstellt: Unseren Kindern haben wir Flügel gegeben, damit sie genau dann in ihr Leben starten können, wenn sie wissen, wie sie die Flügel benutzen können. Wir dürfen nicht vergessen: Auch wir haben Flügel, das Leben hat sie uns vielleicht gestutzt.  Die Federn können aber nachwachsen, nicht mehr so schnell wie früher, aber es geht. Und auch wir als Eltern von flügge gewordenen Kindern können nochmal durchstarten und es stehen uns alle Himmelsrichtungen offen. Unser „System“ ist nicht weniger geworden, es hat sich nur verändert. Und es kann erweitert werden um so viele schöne und anregende neue Erfahrungen. Eigentlich genau so wie es gerade das Kind erfährt, das das Nest verlassen hat.